Quasselstrippe

Professionelles Schreiben und professionelles Reden, Sprechen oder auch Quasseln sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Ging das von der berühmten Picke auf gelernte Schreiben dem Autor dieser Zeilen recht locker und erfolgreich von der Hand, war das mit dem Sprechen so eine Sache. Das learning by doing erforderte jedenfalls Mut und viel Durchhaltevermögen. Der Lohn: eine am Ende lockere Zunge und jede Menge Selbstwertgefühl. Aber der Reihe nach. Im November 2003 erhielt der Autor den entscheidenden Anruf. Damals verdiente ich meine Brötchen als freier Journalist. „Hättest du nicht Lust in einer neuen Motorsportserie den Streckensprecher zu geben“, schallte es in meinen Ohren. Meine fehlende Erfahrung in diesem Metier schien den Anrufer nicht zu schrecken. „Du kannst Hochdeutsch, kennst dich im Motorsport aus und hast eine markante Stimme“, lauteten seine Argumente. Angesichts dieser Schmeicheleien konnte ich nicht Nein sagen. Auch das Honorar stimmte. Ende April 2004 folgte die Feuertaufe – das erste Rennen des neuen SEAT Leon Supercopa. Mehr als 30 Autos und Fahrer sowie die berechtigte Aussicht auf spannende und spektakuläre Rennen sorgte bei den Organisatoren für euphorische Stimmung. Dem Autor dagegen grummelte vor dem ersten freien Training mächtig der Magen. Lampenfieber pur. Dann der erste Einsatz am Mikro – eine Katastrophe. Mehr äääähhhs und mmmms als deutlich artikulierte Wörter und zusammenhängende Sätze. Ich hatte meine Fähigkeiten über- und die Anforderungen unterschätzt. „Aller Anfang ist schwer.“ Wie nett. Die Kollegen aus der SEAT-Orga versuchten mich aufzubauen. Ein arrivierter Sprecher dagegen nannte das Kind beim Namen. „Das mit dem Tom als Streckensprecher würde ich mir nochmal überlegen.“ Mein Auftraggeber tat das nicht, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Ich bekam die Chance zu lernen, mich zu verbessern. Mit jedem Rennen lernte ich dazu. Mit jedem Einsatz wuchs die Sicherheit. Später kamen noch nette kleine Talkrunden in der SEAT-Hospitality dazu. Rund 300 Besucher lauschten und klatschten. Geadelt wurde ich von einem renommierten TV-Kollegen. „So etwas könnte ich nicht“, meinte der, nachdem er ein Rennen über 30 Minuten samt Startaufstellung und Siegerehrung in der Sprecherkabine zugehört hatte. „Wieso“, fragte ich. „Du bist doch Profi und machst das viel länger als ich.“ „Ja schon“, entgegnete mein erster Fan. „Aber im Fernsehen rede ich nicht 45 Minuten ohne Punkt und Komma.“ Ich hatte es geschafft. Ich bin eine professionelle Quasselstrippe, die sich ganz leicht und jederzeit per Mail oder Anruf wieder aktivieren lässt.

apr global